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Wie alles begann

Wenn ich mit meinen meckernden Gefährten durch die Gegend ziehe, drehen sich die Leute schon gerne einmal um. Sie wollen sich vergewissern, dass sie wirklich richtig gesehen haben. Denn die Begegnung mit frei- und manchmal sogar fusslaufenden Ziegen ist eher ungewöhnlich.

«Ist das eine neue Hunderasse», werde ich immer wieder gefragt. Ich muss so einige Sprüche verkraften, wenn ich mit meinen beiden Ziegen auf Wanderschaft gehe. Hunde mit Hörner, das ist wohl die häufigste Aussage, die ich immer wieder höre. Die Freude am Ziegentrekking lasse ich mir dadurch aber nicht verderben.

Auf die Ziege gekommen

Vor Jahren schon habe ich einen Beitrag über Ziegentrekking gelesen. Eigentlich wollte sie sich damals auf ein begleitetes Trekking einlassen. Die Termine passten nicht und so ging die Idee im Alltagsgeschehen rasch wieder unter. Und die beiden Zwergziegen, die sich und mein Partner seit vielen Jahren halten, zickten bei den ersten Leinen-Versuchen zu sehr.

Anfang 2019 dachte ich auf einem Spaziergang mit meiner damaligen Hündin darüber nach, was ich in diesem Leben noch alles machen möchte. Da kam sofort die Idee vom Ziegentrekking wieder hoch.

Der Zufall wollte es, dass ein Paar, welches seit Jahren Packgeissen haltet und Trekkings auf dem Ricken anbietet, im April einen tägigen Packgeissen-Kurs anbot. Ich habe an diesem Tag so viel über Ziegen gelernt, von der Tierauswahl, über die Aufzucht bis hin zu Zaunsystemen». Und prompt zog ein paar Wochen später der kleine Giotto bei mir ein.

Von Pro Specie Rara geschützt

Giotto, eine Capra Grigia, kam aus dem Val Lumnezia nach Hohentannen. Er war auf der Plattform tierische-raritaeten.ch ausgeschrieben und eroberte im Nu das Herz seiner neuen Besitzerin.

Um die Bindung zu stärken, habe ich Giotto bis zu seinem ersten Geburtstag zweimal täglich die Flasche gegeben.

Die Capra Grigia ist eine der Gebirgsziegenrassen, deren Erhalt von Pro Specie Rara gefördert wird. Um ein Haar wäre sie in den 90er Jahren ganz von der Bildfläche verschwunden. 1997 startete Pro Specie Rara ein Projekt, dass die Rettung dieser Rasse mit den letzten grauen Bergziegen aus dem Tessin und den Bündner Südtälern zum Ziel hatte.

Treue Begleiter

Besonders kastrierte Böcke eignen sich gut fürs Ziegentrekking. Sie werden bis zu 90 Kilogramm schwer, sind anhänglich und ziehen von Natur aus gerne durch die Gegend. Giotto ging immer gerne auf Brautschau. Tatsächlich war er ihr über fast zwei Jahre ein treuer Begleiter, wich kaum von meiner Seite.

Er hat sich wie ein Hund an mich gebunden. Musste ich auf einer Wanderung kurz einmal austreten, folgte mir Giotto auf Schritt und Tritt. Denn Giotto lief immer frei. Mit ins Restaurant durfte er natürlich nicht.

Leider verstarb Giotto im Marz aufgrund einer Harnwegserkrankung viel zu früh. Er kam nie dazu, Gepäck zu tragen.

Packgeissen

Erst mit vier Jahren wäre Giotto ausgewachsen gewesen. Ziegen können dann bis 40 Prozent ihres eigenen Körpergewichts tagen. Bei einem Körpergewicht von 90 Kilogramm sind das gut 30 Kilo. Ein stolzes Gewicht!

Das Paar, bei dem ich damals den Packgeissen-Kurs absolviert hatte, stellt Sattel und Packtaschen sowie auch geeignete Halfter selbst her. Natürlich brauche es viel Geduld, bis eine Ziege an ein Halfter und später an den Sattel und die Last gewohnt sei. Der Aufwand lohnt sich allemal. Denn es gäbe nichts Schöneres, als mit Ziegen durch die Gegend zu streifen.

Ziegen sind äusserst soziale Wesen und sehr schlau. Besonders ältere Menschen sind bei Begegnungen immer wieder berührt. Noch gar nicht so lange her, war die Ziege noch auf vielen Bauernhöfen vertreten.

Max und Minni aus dem Tierpark Kreuzlingen

Es brach mir das Herz, als Giotto starb. Ich verlor nicht nur ihren Begleiter, sondern auch die Identität von «die mit der Ziege wandert» sowie den Traum von mehrtägigen Trekkings und ganz viel Freiheit.

Ein Leben ohne Ziegen macht wenig Sinn. Und so fuhr ich eines Tages im Tierpark Kreuzlingen vorbei, um die Jungziegen ein wenig zu beobachten. An diesem Tag traf ich auf die Tierpflegerin, die ich vor einigen Wochen auf einem Streifzug mit Giotto kennengelernt hatte. Die stellte mir den gut einjährigen Max, wieder eine Capra Grigia, vor. Ich war sofort verzaubert.

Max und seine Zwillingsschwester wurden von der weiteren Zucht ausgeschlossen, weil sie die rassenbedingten Kriterien nicht erfüllten. Wahrscheinlich hatte sich irgendwann eine Pfauengeiss in die Linie geschlichen.

Fürs Trekken spielt das keine Rolle. Und so sind Max und Minni an Auffahrt nach Hohentannen gezogen und haben in Zukunft eine neue Aufgabe.

Gut eingelebt

Unterdessen haben sich die beiden Tiere gut eingelebt. Nach bereits einer Woche habe ich Max auf den ersten Spaziergang mitgenommen. Abseits der Strassen habe ich ihn dann abgeleint und siehe da: Er ist mir gefolgt. Ich konnte dort weitermachen, wo ich mit Giotto aufgehört hatte.

Ein paar Tage später durfte auch Minni mit auf die Streifzüge. Das Mädchen ist eher schüchtern und orientiert sich stark an ihrem Zwillingsbruder Max. Es stimmt mich immer sehr friedlich, wenn die beiden im Parallelschritt über die Feldwege laufen. Weglaufen ist kein Thema. Einmal hatte Minni etwas Stalldrang gehabt, sonst kehren wir drei aber immer gemeinsam heim.

Tüütatoo – Postauto

Die Packgeiss – Ziegentrekkings nach Mass, steht im Schriftzug und den Farben der Post auf dem ausrangierten Postauto, das nun vor der ehemaligen Post in Hohentannen parkt. Max darf jetzt mit mir und meiner Hündin Florentine Ferien im Bündnerland machen. Alle drei Tiere kann ich nicht mitnehmen. Ich habe nur zwei Hände.

Mein Partner und ich haben die Transport-Box, die wir damals für den Fiat Scudo und Giotto gebaut haben, an die Platzverhältnisse im Renault Kangoo angepasst. Mir ist es ein grosses Anliegen, die Transportvorschriften einzuhalten.

Während den ersten drei Kurzfahrten hat Max noch gemeckert. Unterdessen hat er sich ans Postautofahren gewöhnt und schaue während der Fahrt immer aus dem Fenster.

Erst ab dem Frühling 2024 werde ich die beiden Ziegen beladen können. Bis dahin streifen wir einfach so durch die Gegend.

Stalldrang

Gestern durfte Minni endlich wieder einmal mit auf einen Ausflug. Von Bernhausen sind wir bis zum Biessenhofer Weiher und zurück spaziert. Hundebegegnungen sind dabei fast immer problemlos.

Auf dem Heimweg hatte es Minni plötzlich eilig. Erstaunlich, wie gut sich Ziegen orientieren können. Minni ist stets richtig abgebogen. Dann aber zwei Fahrradfahrern nachgerannt. Max hinterher.

Gefunden haben wir die beiden bei Landwirt Kurt Riesen. Ein aufmerksamer Autofahrer hatte die beiden gesehen und sofort gewendet. Vielen Dank!

Warum wohl haben die beiden Velofahrer nicht angehalten? Ich verstehe es nicht!

Tüüüütatoooo

Wir haben ein eigenes Postauto!

Max hat sich unendlich schnell an den Verlad gewöhnt. Nach nur drei Ausflügen in der näheren Umgebung ist er selber in das Fahrzeug gesprungen. Er ist während der Fahrt ruhig und schaut aus dem Heckfenster.

Der Kangoo macht seinen Job ebenfalls. Wir haben ihn bereits auf Bergstrassen erprobt.

Willkommen Max und Minni

Ein Leben ohne Ziegen macht keinen Sinn. An Auffahrt sind Max und Minni bei uns eingezogen. Die beiden haben ihr erstes Lebensjahr im Tierpark Kreuzlingen verbracht, dann aber einen neuen Wirkungskreis gesucht.

Bei uns haben sie den gefunden.

Ruhe in Frieden, Giotto

Giotto ist am 2. März 2021, knapp drei Monate nach Hündin Merline, über die Regenbogenbrücke gegangen. Seine Geburtstagsparty war für den 15. März bereits geplant.

Nach einer hartnäckigen Harnabsatzstörungen mussten wir ihn von seinem Leiden erlösen.

Ich werde dich nie vergessen! Treue Gefährten bleiben für immer.